Orte in der
Normandie
Beim Eintritt in diese Region spürt man schon: Das ist eine geschichtsgefüllte Gegend. Die Fülle der Kathedralen ist suspekt und deutet darauf hin, dass irgendjemand erbittert und eifrig Zeugniss der eigenen Größe und Gottesgläubigkeit ablegen musste. „Man“ ist in diesem Fall nicht irgendjemand, sondern eine der herrschenden Figuren Wilhelm der Eroberer, Rollo und ihre Nachfolger, manchmal sind es Wikinger („Normannen“, daher Normandie), manchmal sind es Franzosen, die besonders gerne eine Frauengestalt in die erste Reihe setzen (obwohl Frauen im Prinzip gar nichts zu melden hatten), nämlich Jean d'Arc. Weil sie als Frau in eine FührerInnenrolle zu schlüpfen drohte, wurde sie vorsichtshalber von dem englischfreundlichen französischen Bischof Pierre Cauchon (der Name ist richtig geschrieben, er heißt nicht „Pierre Cochon,“!) ersteinmal als Ketzerin verurteilt und in Rouen verbrannt, 24 Jahre später, als sie keinen Schaden an der männlichen Vorherrschaft mehr anrichten konnte, vom Papst rehabilitiert, heute als Heilige und bis heute als Nationalheldin verehrt, obwohl es zu ihrer Zeit (1431 starb sie) noch gar keine Nation gab. Allerdings endete der 100-jährige Krieg, die Normandie fiel nun endgültig an die französische Krone, und das Land hatte zumindest natürliche Grenzen (Küsten und Gebirge), wodurch der Weg hin zu einer Nation geebnet wurde. Kathedralen sind allerdings nicht alles, allenfalls die Maulwurfshügel der Geschichte. In Rouen wandelt Madame Bovary aus Gustave Flauberts gleichnamigen Roman, der sogar noch von Nagib Machfuz durch die schöne Hamida in seinem Roman „Middaq-Gasse“ ein spätes Denkmal gesetzt wurde. Weiterhin liegen da die wunderbaren Kurzgeschichten von Guy de Maupassant in der Luft, die Höhle in Veules-Les-Roses, von der aus Victor Hugo gedankenverloren das wunderbare Meer betrachtete, ist auch noch da. Emile Zola war zwar gebürtiger Italiener, aber er wuchs in Frankreich auf, wurde eingebürgert und war mit Gustave Flaubert durch eine enge Freundschaft verbunden. Er setzte in seinem großen Roman „Germinal“ (1885) den Bergarbeitern von Lille ein gewaltiges Zeugnis und wurde dadurch zum Vorläufer des Naturalismus. Und da ist noch Honoré de Balzac: er hat in diesem kleinen Dialog aus seinem Roman „Die Bauern“ ganz gut den Unterschied zwischen Frankreich und der Normandie beschrieben:
„Herr Marquis,“ sagte der Unterpräfekt, „die Normandie und Burgund sind zwei sehr verschiedene Länder. Die Früchte des Weinbergs machen das Blut heißer als die des Apfelbaums. Wir kennen die Gesetze und das Prozeßverfahren nicht so gut, und sind rings von Wäldern eingeschlossen; die Industrie hat uns noch nicht gewonnen; wir sind wild . . . Wenn ich dem Herrn Grafen einen Rat zu geben hätte, so wäre es der, seine Besitzung zu verkaufen und in Renten anzulegen; er wird seine Einkünfte verdoppeln und nicht die mindeste Sorge haben. Wenn er das Landleben liebt, mag er in der Umgebung von Paris ein ebenso schönes Schloß wie Les Aigues mit einem mauerumgebenen Park kaufen, den niemand betreten kann, und wird nur Höfe besitzen, die an Leute verpachtet sind, welche im Wagen kommen und ihn mit Banknoten bezahlen. Er wird uns nicht ein einziges Protokoll im Jahre aufnehmen lassen . . . in drei oder vier Stunden kann er kommen und gehen . . . Und Monsieur Blondet und der Herr Marquis werden uns nicht so oft fehlen, Frau Gräfin . . .“
Die geistigen Maulwurfshügel der Normandie mögen bisweilen sogar die Kathedralen überragen!