Berlin-schöneweide

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Im 19. Jahrhundert Keimzelle der industriellen Revolution - zwischenzeitlich Schweineöde - jetzt Hochschulstandort, Ausstellungsviertel und viel Platz!

„Gastro-Norm“ - das klingt nach „Sättigungsbeilage“, tätsächlich handelt es sich um ein kleines, wunderschönes Café am Rathenau-Platz in Schöneweide, in dem köstlicher Kuchen und Café serviert werden. Der einsame strickende Herr am Einzeltisch im Halbschatten - erinnert mich daran, dass ich selbst noch nicht so weit bin. Er dagegen fühlt sich sichtlich wohl, legt von Zeit zu Zeit das Strickzeug nieder und genießt Kaffe und Kuchen, das alles in wohl bedachten Bewegungen. In der Türkei gehört es übrigens längst zum dörflichen Alltag: Ältere Männer sitzen im Teehaus und stricken Socken. Da erliegen wir Deutschen wieder diesem rückständigen Männerbild.

Wie kommt man nach Schöneweide, einen Ort, der in der DDR von Jugendlichen als „Schweineöde“ bezeichnet wurde? „Die Ostdeutschen“ haben mich angelockt, das ist eine Ausstellung der Fotos von Roger Melis, die gerade in den Reinbeckhallen ebendort gezeigt wird. Auf dem Weg passiert man das Stadtteil-Büro Gregor Gysis in der Brückenstraße und fragt sich „Ist das jetzt aus der Zeit gefallen oder aktuell?“. Es herrscht ein starker Kontrast zwischen der verblassenden DDR-Gesellschaft und dem Neuen in diesem Stadtteil.

Wer sich nicht für Schöneweide, jedoch für Fotografie interessiert, sollte unbedingt hin. Wer sich nicht für Fotografie, jedoch für Schöneweide interessiert, sollte trotzdem die Ausstelllung besuchen, weil Roger Melis mit einem liebevollen Blick das Leben der „Ostdeutschen“ schildert(eigentlich kamen sie mir alle sehr deutsch vor, nur nicht so aufgeblasen wie das westliche Pendent). Es ist ein besonderer Blick: ohne Häme, ohne Sarkasmus, manchmal jedoch liebevoll mit dem Finger auf die Peinlichkeiten bei einer Betriebsfeier zeigend oder auf den fehlenden Enthusiasmus am Rande der Demonstrationsfeierlichkeiten zum 20. Jahrestag der Befreiung. Mit seiner Kamera ging er der DDR nicht ideologisch ans Leder. Seine Kamera zeigt, wie sich Menschen in ihren Verhältnissen einrichten, manchmal auf kuriose Weise, aber immer direkt und authentisch. Auf seinen Fotos habe ich aber auch Menschen entdeckt, die das Experiment Sozialismus in Deutschland mit Hand und Herz zu unterstützen scheinen. Dass die DDR auch aus der Wut gegen das, was Hitler der Welt angetan hat, entstanden ist, wollen wir heute gar nicht mehr wahrhaben! Nicht das Spektuakuläre, sondern das Wesen und das Wesentliche stehen im Fokus. Melis zerlegt die Gesellschaft optisch in ihre Bestandteile und macht sie sichtbar. Also egal ob Schöneweide oder Fotografie im Mittelpunkt stehen, man sollte sich beides anschauen, die Ausstellung der Fotos von Roger Melis und den Stadtteil. Und dann könnte man sich wiederfinden in einer Umgebung, die diese Fragestellungen berührt.

Seitdem die HTW (Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin) den Campus Wilhelminenhof eröffnet hat, sieht alles sehr nach kreativer Intelligenz-Schmiede aus. Dort kann man sehen, dass Berlin Stadtteile hat, die sich im Brennpunkt der Innovation bewegen. Adlershof ist gleich nebenan. Schaut man sich die alten Gebäude an, ist zu entdecken, dass Schöneweide schon im 19. Jahrhundert im Brennpunkt der technischen Revolution stand: Emil Rathenaus AEG, Kabelwerke, Umspann-Station und in der DDR die Produktion der Medientechnik fanden hier statt. Schöneweide war ein bedeutender Industriestandort. Das Umspannwerk war während der Industriellen Revolution die innovativste Technik in Europa. Nun konnte der Strom als Drehstorm ohne erhebliche Leitungsverluste von weit her kommen und konnte vor Ort umgewandelt und verteilt werden. Der heutige Energiehunger könnte ohne das nicht gestillt werden. Die Energiewende der Gegenwart, die die Windkraft der Nordsee bis nach Süddeutschland verteilen muss, wäre ohne diesen Ort Utopie. Das war hier in Schöneweide im Kraftwerk und Umspannwerk Oberspree! Die Gebäude sind heutzutage oft noch immer heruntergekommen, aber man kann ihnen ansehen, dass sie einst den Stolz auf das Neue ausstrahlten. Auch kann man beobachten, dass sich der Mittelpunkt Berlins weiter nach Osten verschoben hat. Die Skulpturengießerei Knaak hat sich ebenfalls aus dem beschaulichen Friedenau hierher verlagert. Und der Gregor Gysi, ja der passt schon ganz gut hierher. Kurioses nebenbei: In den bevorstehenden Europa-Wahlen fordert die DKP auf einem ihrer Plakate „Frieden mit Russland!“. Das ist schon etwas merkwürdig. Unterstützen die jetzt Putin? Gibt es Krieg mit Russland? Schöneweide ist ein Ort mit Arbeiter-Tradition - und da gehören die linken Parteien hin, auch wenn das einstige Ziehkind der DDR, die DKP, dem sektiererischen Wahnsinn zu verfallen scheint, es gibt andere, zeitgemäßere! Nur nicht der adipöse Altrocker auf seinem Chopper im Tarnfleck und mit Stahlhelm. Da schiebt sich in unfreiwilliger Komik ein Stück böser Vergangenheit über den Damm. Das ist doch nun wirklich aus der Zeit gefallen!

En passent kann man durch die Beschäftigung mit der AEG erkennen, dass Walther Rathenau nicht nur ein geschickter Unternehmer war, sondern in seiner Eigenschaft als Außenminister auch Lobbyismus und Exekutive in einer für die AEG besonders fruchtbaren Art und Weise verknüpfen konnte. Donald Trump könnte von ihm noch lernen (Das Video „Die Geschichte der AEG“ auf YouTube erteilt darüber nähere Auskunft)! Führt das jetzt zu weit? Sicherlich!

Vor den Reinbeckhallen neu errichtete Immobilien nahe der Spree, vor den Immobilien Porsche, SLK mit offenen Verdeck, ein Herr mit sehr kleinem, frisch gefönten Hund (Mooshammer?), ein anderer mit weit offenen Hemdkragen und blass-rosa-farbener Sommerhose, beide mit selbstzufriedenem, leicht angeekeltem Blick. Ein weiteres Zeichen des Wandels. Den einsam strickenden Herrn wird es nicht davon abhalten, hin und wieder sein Strickzeug abzulegen und zur Kaffeetasse zu greifen. Fontane hätte hier seinen Roman „Irrungen und Wirrungen“ skizziert.