Ein regnerischer nachmittag

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Nachdenklich, aber nicht zu Hause

RomArchive, das digitale Archiv der Sinti und Roma

Der freundliche Herr vom Deutschlandradio war etwas voreilig: „Können Sie etwas dazu sagen?“ fragte er mich, noch bevor ich überhaupt hingucken konnte. Aber selbst wenn: Das Verblüffende an dieser (sehr kleinen) Ausstellung ist, dass man erst einmal die Fremdheit, das Ausgestoßensein der Sinti und Roma verstehen und verkraften muss, bevor man hingucken kann. Irgendwo hängt der Satz „Decolonize Knowledge“ von einer Decke der Akademie herunter.

Mir fällt dazu das kleine hessische Dorf Florshain in der Nähe von Treysa/Schwalmstadt ein. Es ist ein tristes Dorf in der Schwalm. Selbst im Bericht des Jahrbuchs der Königlich Preussischen Geologischen Landesanstalt und Bergakademie zu Berlin für das Jahr 1895 heißt es nicht gerade enthusiastisch:

„Wo die Stubensande in grösserer Mächtigteit erhalten geblieben sind, wie nordwestlich des Biedenbacher Teiches bei Florshain, nimmt die Landschaft einen öden Charakter an. Man fühlt sich in dem Sand- und Kieferngebiete, welches an der Strasse von Treysa nach Florshain liegt, in die oberen Sande der Mark Brandenburg versetzt. Die Gegend von Florshain hat mir »übrigens den sicheren Beweis geliefert, dass die Stubensande auch hier über den Gervillien-Platten liegen. In den übrigen Gebieten des Blattes bilden die Stubensande zumeist Denudationsreste auf Gervillien-Platten und tragen deshalb nicht erheblich dazu bei, der Flora und mithin der Landschaft ein bestimmtes Gepräge zu geben. “ Das klingt trist und sieht auch so aus. Viele sind weggegangen - verständlich!

Einen der leerstehenden Bauernhöfe haben Sinti und Roma Mitteder 80er Jahre gekauft. Fortan stand er voller Wohnwagen, bisweilen campten sie auch auf der Straße, weil der Hof überfüllt war, als wollten sie sagen: „wir haben uns endlich eine Insel erobert! Die kann uns keiner wegnehmen! Sie gehört uns! Und wir empfangen jetzt Besuch, wir freuen uns und feiern!“ Sie lebten unter uns, niemand nahm Notiz -- und wenn, dann höchstens mit Befremden. Warum auch? Wer will in diesem Florshain leben? „Etwas Besseres als ... finden wir allemal!“ heißt es in einem Märchen, das in der Schwalm entstanden ist. Eines Tages war der Hof abgebrannt, die Wohnwagen waren verschwunden. Niemand konnte eine Antwort geben. Es interessierte niemanden.

Immerhin wurde der Romani-Dialekt von Florshain genauer untersucht. Aber wie sehr schwer muss es -- abgesehen von diesem exotischen linguistischen Spezialinteresse -- fallen, zur Kenntnis zu nehmen, dass Sinti und Roma zu Deutschland gehören, dass ihre Kultur ein Teil unserer Kultur ist, aber auch dass ihre Ausgrenzung und ihr Leid etwas mit uns zu tun hat. Wie gesagt, die Ausstellung ist sehr klein, aber verstörend!

Aber irgendjemand (war es Romani Rose?) hat richtig gesagt, dass es nun nicht mehr darauf ankomme, die Roma in ihrer Opferrolle darzustellen, sondern ihre Leistungen. Das digitalisierte RomArchive ist eine hervorragende Quelle und wird hoffentlich weiter wachsen!