Potsdams neue mitte - unser altes trauma

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Historisch oder Kulisse?

Sie haben sich gegen alle sachlichen Argumente für die Kulisse entschieden, manchmal auch für „vorne Kulisse, hinten modern“. Hasso Plattner und andere Gönner machen Druck und möchten gerne, dass es idyllisch aussieht, wenn sie mal in Potsdam weilen. Man muss kein Freund des DDR-Regimes sein, um zu sehen, dass man 40 Jahre Geschichte nicht einfach aus dem Stadtbild wegradieren kann, zumal die Spaltung Deutschlands sehr viel älter ist, als diese 40 Jahre!

Erstmal genug gezürnt! Ich habe auch lange gebraucht, bis ich mich an diesen Gedanken gewöhnt habe. Bei einer Radtour durch das „DDR-sozialistische Potsdam“ begann ich das Lebensgefühl der Menschen, die hier bis 1989 gelebt haben, ein wenig zu verstehen - und es gab Bereiche der Stadt, die für Menschen gemacht sind, in denen man sich wohl fühlen kann. Das war alles nicht kompatibel mit dem, was man im Westen unter „Wohlfühlen“ versteht (die Fähigkeit, mit dem Mangel umzugehen versus die immergleichen Ladenzeilen mit Handy-Shops, Tattoo-Studios, Solar-Bräunungs-Bräterien, der Rest befindet sich vor den Stadttoren im Outlet-Center.). Das gilt vor allem für die Bereiche „Auf dem Kiwitt“ und das Wohnviertel zwischen der Straße „Am Kanal“ und der „Alten Fahrt“ sowie den „Staudenhof“. Diese innerstädtischen Lagen wären in einer marktwirtschaftlich orientierten Stadtplanung Hochpreissegmente mit Luxuswohnungen. Hier sind es Bereiche für die breite Masse der Bevölkerung. Verständlich, dass dies einigen ein Dorn im Auge sein muss. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schrieb am 10.04.2017 zu dem unwiderruflich beschlossenen Vorhaben, die Fachhochschule abzureißen, die nach dem Vorbild eines Gebäudes von Mies van der Rohe erbaut wurde: „Der nicht aus dem Osten, sondern aus Ostfriesland stammende Potsdamer Bürgermeister Jann Jakobs (der sich, laut „Potsdamer Neuer Nachrichten“, in Plattners „Villenkolonie“ am Jungfernsee ein Grundstück gesichert hat) nannte sie einen „Schandfleck“. Man hat den Bau so verfallen lassen, dass er nun tatsächlich leicht schrottig an der Ecke steht wie ein verschrammter Oldtimer zwischen fabrikneuen Limousinen.“ 28 Jahre danach wäre es an der Zeit, die vorherrschenden westlichen Stadtplanungsgewohnheiten sowie eigene Sehgewohnheiten einer Revision zu unterziehen! Es wäre auch an der Zeit, im Falle Potsdams nicht nur auf die Überwindung der DDR abzuzielen, sondern die brandenburgisch-preussische Geschichte insgesamt mit dem kritischen Auge in den Blick zu nehmen, wie die Alliierten es im August 1945 taten! Statdplanung und Besiedlung scheinen eben nicht nur eine Frage der selbstregulierenden Kraft des Marktes zu sein. Das erscheint mir wie eine handfeste Auseinandersetzung zwischen zwei städtebaulichen Konzepten, die beide sehr tief in ihre Gesellschaftsordnung eingebettet sind. Eine Auseinandersetzung, die eher hinter den Kulissen stattfindet als offen ausgetragen zu werden. Apropos „Kulissen“: Das Gebäude des Brandenburgischen Landtages wurde als Schloss verkleidet, nach dem Willen einiger Geldgeber sollte das Hotel Merkur abgerissen werden, weil es den Blick vom Neuen Lustgarten auf das Schloss verstellt. Für dieses Städtebau-Prinzip existiert ein Fremdwort: „Potjomkinsches Dörfer errichten“. Nach einer Volksabstimmung bleibt das Hotel, Plattner war erzürnt und drohte mit dem Rückzug seiner üppigen Geldgeschenke (als ob man mit Geldspenden die Demokratie aushebeln könnte!). Das Hotel ist nun eine Art Antependium des Schlosses, aber das Ringen um die Romantisierung der Stadt und ihrer Geschichte geht weiter. Das Ergebnis der politischen Willensbildung zur Zeit - etwas holzschnittartig formuliert lautet: „Die historische Kulisse, wie sie sich um etwa 1840 darstellte, soll wiederhergestellt werden - und was danach kam, das blenden wir aus. Das passt nicht zu den Erwartungen, mit denen ein Tourist nach Potsdam kommt.“ Potsdam, das ist die aufklärerische Seite Friedrich II., das ist die Italiensehnsucht und Romantik Friedrich Wilhelms IV., kurz - das ist Arkadien! Ist diese Geschichtsrevision erst einmal erreicht, wird sich der gesamte „Rest“, der oben beschrieben ist, „marktwirtschaftlich“ ergeben. Mit allen Konsequenzen: Nach einer aufwändigen Sanierung wird alles wieder mit Reklame für Kaufland, Tchibo und H&M zugehängt! Potsdam ist tatsächlich eine wunderschöne Stadt mit sehr viel Wasser, sehr viel Natur, aber auch mit einer obrigkeitsstaatlichen Geschichte. „Der Tag von Potsdam“, an dem sich das Parlament selbst entmachtete und damit die Weimarer Demokratie der Alleinherrschaft Hitlers opferte, dürfte vielen noch ein Begriff sein. Wiederaufbau der Garnison-Kirche, in der das geschah? Muss das sein? In der DDR gab es den Versuch, dem etwas entgegenzusetzen. Über diese Fragen wird man noch lange streiten müssen/können. Derweil genießen wir die Förstersche Freundschaftsinsel, solange es warm ist! Denn sie ist ein echter Ort zur Begegnung und Entspannung!

Externe Verweise