Xanten: schicksalsort deutscher kultur

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Auch die Wikinger kamen hin und wieder zum Shoppen vorbei
(nach Ladenschluss und ohne Geld)

Römerlager, frühmittelalterliche Stiftsstadt, Nibelungen-Ort, Wikinger-Outlet, Nazi-Ort, heute fröhlicher Touristenort

Nibelungenlied:

Da wohs in nider landen
eins edeln kuniges chint
des vater der hiez Sigemvnt
sin mvter Sigelint
ineiner richen burge
witen wol bechant
nidene bi dem Rine
div was ze Santen genant

Übersetzung:

Da wuchs im Niederlande
eines edeln Königs Kind.
Siegmund hieß sein Vater
die Mutter Siegelind.
In einer mächt′gen Veste
weithin wohlbekannt,
Unten am Rheine
Xanten war sie genannt.

Das Annolied (vor 1100) über die Gründung Xantens:

Franko gesaz mit den sînin
vili verre nidir bî Rîni.
dâ worhtin si duo mit vroudin
eini luzzele Troii.
den bach hîzin si Sante
nâ demi wazzere in iri lante;
den Rîn havitin si vure diz meri.
dannin wuohsin sint Vreinkischiu heri.

Übersetzung:

Franko ließ sich mit den Seinigen
ganz in der Ferne am Rhein nieder.
Dort erbauten sie damals mit Freuden
ein kleines Troja.
Den Bach nannten sie Sante
nach dem Fluss ihrer Heimat.
Den Rhein nahmen sie statt des Meeres.
Dort wuchs seitdem das fränkische Volk.

Es ist also ein Ort voller Geschichte und voller Sehenswürdigkeiten, die - ehrlich gesagt - etwas spröde präsentiert werden. Sie atmen aus Teilnahmslosigkeit und Gehorsamkeit der Fremdenverkehrsbehörde. Man muss Rücksicht nehmen auf Cafehaus-Besitzer und den Bischof. Ihr wisst schon: Arbeitsplätze und der gute Anstand. Geschichte ist anders. Aber würde man Verbindungen zum Leben herstellen, blieben vielleicht Touristenbusse weg, und vielleicht wären Vertreter der Cafehaus-Besitzer im Stadtrat bitter enttäuscht. Wahrscheinlich ist aus dieser Perspektive betrachtet die Frequentierung der Parkplätze wichtiges Korrektiv unserer Geschichsschreibung.

Dabei ist Siegfried, der hier geboren wurde, einfach nur scharf auf Kriemhild (die alle Männer abblitzen lässt, weil sie von solch schmutzigen Sachen, die notwendigerweise mit Männerbekanntschaften verbunden sind, nichts wissen möchte), und seine hormonelle Ladung bringt ihn dazu, Kopf und Kragen aufs Spiel zu setzen - nicht nur den eigenen. Dazu gehören das Blutbad, das er anrichtet, um die Erbfolge richtig zu stellen, und das Bad im Blute des getöteten Drachen, um sich unverwundbar zu machen. Hier hat er allerdings etwas nachlässig gearbeitet, so dass er eine Stelle vergass, was ihm Jahre später zum Verhängnis werden sollte. Schon daraus kann man lernen: Wenn Du was machst, mach es richtig! Alberich hilft inzwischen mit der Tarnkappe aus, um Abenteuer bestehen zu können. Ein Hacker - wahrscheinlich Vorläufer der NSA. Der Aufwand, den Siegfried treibt, um an sie heranzukommen, scheint Kriemhild zu gefallen. Als er beim Ritter-Turnier in Worms aufläuft und dort den Harten gibt, wird sie weich, versteckt sich jedoch hinter der Gardine, so dass er nichts mitkriegt - Weiber! Und deshalb geht es dann geht erst richtig los: Der Ritt der Furien, Nibelungentreue, Kadaver-Gehorsam, die Folgen sind bekannt! Aber zurück zu den Ereignissen: Die beiden heiraten, ziehen zu ihm nach Xanten, ihre Brüder Gunther, Gernot und Gieselher bleiben in Burgund.

Ab und zu besucht das junge Paar die Familie daheim. Aber Kriemhild zickt rum und streitet sich mit ihrer Schwägerin Brünhild. Brünhild ist äußerst aufgebracht und lässt in einer Art Überreaktion Siegfried ermorden, um Kriemhild zu zeigen, wo der Hammer hängt. Immerhin erbt Kriemhild dadurch Siegfrieds Vermögen, was nicht klein war, nämlich den legendären Nibelungenschatz! Kriemhild zieht mit ihren Nibelungen und dem Nibelungenschatz nach Worms. Hagen, der Vasall Brünhilds und Auftragskiller, der ihren Mann auf dem Gewissen hat, versenkt den Nibelungenschatz jedoch im Rhein, um ihn zu neutralisieren, so dass Kriemhild bittere Rache schwört. Damit sie diese umsetzen kann, muss sie aber zunächst mächtig werden.

Durch günstiges Heiraten mit dem Hunnenkönig Etzel wird sie zur Hunnenkönigin. Das mit den Familienbesuchen scheint in Ansätzen aber immer noch zu klappen. Sie lädt ihre Brüder und Hagen nun zu sich nach Hause ein, um ein Fest zu feiern. Es war offensichtlich ein Fehler, Hagen ebenfalls einzuladen. Wie so oft bei Familienfeiern läuft die Sache gehörig aus dem Ruder: Schon wieder gibt es Streit, in dessen Verlauf Hagen Ortlieb, Kriemilds Sohn aus zweiter Ehe mit Etzel, ermordet. Es ist irgendwie verständlich, dass Kriemhild das nicht auf sich sitzen lassen möchte. Und schon kommt es zum nächsten Blutbad, bei dem sich nun alle gegenseitig erschlagen.

Heutzutage geht es schlichter: Wir haben aus der Geschichte gelernt und Pubertät ist nicht mehr notwendiger Weise mit Bluttaten in der eigenen Sippschaft verbunden. Man malt Graffitti an Mauern und wird dafür von der Bundespolizei mit HighTech-Methoden gejagt und meistens doch nicht erwischt, Gardine ist out, die Frauen nicht mehr so zurückhaltend, während sich die Kerle noch im Ruhm ihrer Heldentaten sonnen, haben die Weiber schon längst einen anderen gefunden - ist das nicht alles vergleichsweise harmlos?

Lassen wir das, aber nicht ohne der Schülergenerationen zu gedenken, die das Nibelungenlied interessant finden mussten. Es ist schon komisch: Dieses Gekämpfe und Geblute, diese sinnlose Gewalt, diese hirnlose Nibelungentreue, dies alles zählt zum hohen abendländischen Kulturgut, während sich Pädagogen heute ins Hemd machen, wenn die Kleinen mal ein Computerspiel zur Hand nehmen, statt sich mit dem Nibelungenlied (in Originalfassung) zu beschäftigen. Während mir das alles in Xanten durch den Kopf schwirrt, dachte ich „Schluss jetzt!“, „Schau dir lieber die Landschaft an!“, und entdeckte dann ein wunderschönes Auenland am Rhein mit praller Frühlingsfreude und gefüllt mit schwerem erdigen Duft.

Die naiv drein schauende Maria, die den toten Jesus im Schoß hält und dabei so somnambul wie teilnahmslos dreinschaut, steht im Dom St. Viktor. Merkwürdig: Die Proportionen stimmen nach unserem Gefühl nicht: Sie ist größer als die Jesus-Figur - Bedeutungsperspektive, diskret verpackt! Die Kar-Woche beginnt jetzt, da wird der Gekreuzigte bis zur Wiederauferstehung verpackt. Ist das Scham? Ist das Vorfreude?

Zisterzienser im Kloster Kamp - heute steht eine Skulptur eines nackten Knaben im Terrassen-Garten (Passt irgendwie, dachte ich), und die Dieselmotoren der Rheinkähne tuckern langsam und beharrlich Richtung Rotterdam. Vielleicht denken die Kapitäne und Machinisten im Vorbeifahren an die Wikinger uud Nibelungen, vielleicht träumen sie von ihrer Kriemhild, halten Alberich im Maschinenraum versteckt und überhören Hagens Gewaltphantasien, vielleicht denken sie gar nicht. Der Frühling hier ist jedenfalls unendlich schön!

Externe Verweise