Landpartie im havelland

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Eindrücke aus dem Land der wilden Tiere, Fabelwesen und Zwerge

Gewirr aus Träumen, Mythen, Albträumen,gnadenlos schöner, auch ernüchternder Wirklichkeit

Viel Fisch, viel Wasser, noch mehr Vergangenheit, merkwürdige Tiere und natürlich Theodor Fontane, wie es sich fürs Havelland gehört. Die Zeit, in der es sich in der DDR-Nostalgie genussvoll befremdlich herumstocherte, weicht allmählich der Verwunderung über den Stillstand, der sich 30 Jahre nach der „Wende“ über das Land legt. Wie geht das? Woher stammt dieses Verharrungsvermögen? Gehört es zur Landschaft?

Das Havelland war noch nie bekannt für Innovationsfreude. Obwohl ... — Da gibt es Otto Lilienthals Flugversuche in Krielow, die Munitions-, Lokomotiv- und später Panzerfabrik Kirchmöser und Wusterwitz. Da gibt es die Stadt Brandenburg a.d. Havel, die den Nazis als Waffenschmiede diente und Vorreiterin der Euthanasie war. Das Borsig'sche „Mustergut“ in Groß-Behnitz, das zwar als Landgut bezeichnet wurde, in dem Borsig tatsächlich aber schon rechtzeitig damit experimentieren ließ, Landwirtschaft auf industrielle Weise zu betreiben. Aber solche Orte wie Groß-Behnitz boten auch Widerstandsgruppen, wie dem Kreisauer Kreis Schutz. Die vergangenen 150 Jahre sind also keineswegs am Havelland vorbeigeschlichen, während dieses im Stillstand verharrte. Der deutsche Obrigkeitsstaat hat es zu seinem Experimentier- und Exerzierfeld auserkoren, Wandervogel, Jugendbewegung, Lebensreformer und der politische Untergrund auch (einige Publikationen dazu im Haus der brandenburgisch-preussischen Geschichte). Im Übrigen lagen diese Orte auch damals weit ab des Speckgürtels von Berlin - das stellte sogar einen enormen Standortvorteil dar! Wenn der Wassermann an Stellen erscheint, wo man ihn nicht erwartet, verwundert es nicht, dass der Wassermann von Astrologen keineswegs rückständig und innovationsfeindlich gezeichnet wird. Vieles hier erscheint friedlich verschlafen. Man spürt unter der Oberfläche allerdings ungeduldige Aktivitäten. Vieles wäre uns ein Gewinn, wenn es aus dem Dornröschenschlaf erwachte. Manche Aktivitäten waren bereits erfolgreich, z.B. die Renaturierung ehemaliger Truppenübungsplätze wie die Döberitzer Heide, auf der nun Wisente und Przewalski-Pferde statt Panzern und Granaten cruisen und nebenbei einen der größten Truppenübungsplätze Europas nachhaltig einer animalischen wie friedlichen Nutzung zuführen. Das eine oder andere möge allerdings lieber weiterschlafen. Erwacht es, erscheinen womöglich alte Geister (wie es auf der Seite GSA.TO eindrucksvoll dokumentiert wird).

Fontane ist hilfreich, Geister einzuschläfern und an ihrer Stelle andere erscheinen zu lassen: Bär und Markhor, wundersame Riesen-Welse mit magischen Kräften und Zander. „Echte“ Geschichte endet mit den von Quitzows, also im 17. Jahrhundert, besser früher! Wirklichkeit ist ihre mythen- und sagenumwobenen Version: Das Besinnliche, das Romantische, die Freude an der guten alten Zeit, an der Natur, am Unberührten. Was gerne als Geschichte bezeichnet wird: ein geschichtsloses Idealbild ihrer selbst. Ein Landstrich, der 150 Jahre lang die Augen geschlossen hielt und dafür Rost, Verfall und Engel als Beweis seiner historischen Unbedenklichkeit präsentiert. - Und den „Hartbrand-Wichtel“ alias Gartenzwerg als Ausdruck heimischer Lebensbejahung, manchmal auch als Ausdruck der Enttäuschung, dann eben Frustzwerg.

Ach ja, da ist dann noch die Sache mit der Toleranz, um einmal etwas näher an die Gegenwart zu rücken und die Sphären der Romantik zu verlassen: Brandenburg ohne Toleranz wäre bis heute eine unbewohnbare Wüste. Erst durch das Toleranz-Edikt, das der Große Kurfürst 1685 erlassen hatte, konnte das Land begehrte Fachkräfte holen (es waren übrigens alles Flüchtlinge!), die das Land bewohnbar gemacht haben.

Das ist Geschichte, sagen die einen, das wird bis heute praktiziert, sagen die anderen: Auf den Fotos kann man eine Konditorei namens „Backwahn“ erkennen. Die Klangähnlichkeit zur indischen Sannyas-Bewegung ist durchaus gewollt und eine ironische Anspielung auf die abgehobene Eso-Bewegung der späten 70er und frühen 80er in Deutschland. Hier läuft das etwas anders. In Päwesin, einem Ort im Havelland - fernab von jeder Stadt mit äußerst schlechter Verkehrsanbindung, sieht man auffällig viele buddhistische Mönche bei der Abreit, bei der Gartenarbeit, beim Hundeausführen, im Frisörladen, im Buchladen - und eben auch in besagter Konditorei. In unmittelbarer Nähe befindet sich eine buddhistische Klosterschule namens „Tahi Choeling“. Die Konditorei macht ihrem Namen alle Ehre: Backwaren vom Feinsten mit viel Liebe und Hingabe von Mönchen hergestellt. Die Kundschaft steht Schlange und kommt von Nah und Fern. Glückliche Gesichter der Kunden, freundliche und humorvolle Worte der Mönche. Das Engagement der Mönche beschränkt sich nicht auf das Kuchenbacken. Es gibt einige Betriebe (Frisör, Buchladen, Verlag, Konditorei und Buchladen. Hier sind Arbeitsplätze entstanden. Das ist auf Seiten der Bevölkerung etwas mehr als nur „Toleranz“, das ist aufrichtige Dankbarkeit und Freude darüber, dass in diesen tristen Landstrich Farbe und Arbeitsplätze eingekehrt sind. Das kann man gut aus den Gesprächen in der Warteschlange und an der Kuchentheke heraushören. Kuchen-Essen macht nicht nur Freude, sondern auch tolerant und fröhlich! Jedenfalls macht dieser Ort dem „Toleranten Brandenburg“ alle Ehre!