Die totems von agustín ibarrola

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Halde Haniel - Abraum des modernen Zeitalters

Diese Mondlandschaft besitzt magische Kräfte, und weil annähernd höchste Erhebung über das Ruhrgebiet, eignet sie sich als Ort, um über den Alltag den Überblick zu gewinnen.

1987 predigte hier Papst Johannes Paul II., das gesamte Ruhrgebiet im Blick habend. Dieser Ort könnte moderne Kultstätte im industriellen Zeitalter sein: Ein Kreuzweg mit 15 Stationen zeichnet den Leidensweg Christi nach. Die Arbeiterklasse im Ruhrgebiet blickt auf ihre eigene Via Dolorosa, die Kirche hat das in ihrer Soziallehre anscheinend erkannt. So orientiert sich der Kreuzweg weitgehend an existenziellen sozialen Fragestellungen: Solidarität, Menschenwürde, technischer Fortschritt und soziale Gerechtigkeit werden auf den Tafeln angemahnt, die die 15 Stationen des Kreuzweges begleiten.

Auf dem Gipfel trifft man auf die Installation „Totems“ des baskischen Bildhauers Agustín Ibarrola. Auch bei dieser Skulptur geht es um Identität, Anerkennung, Selbstbehauptung. Das kommt reichlich spät, immerhin endet 2018 der subventionierte Bergbau, das Ende wird von weiteren Zechenschließungen begleitet. Unten am Fuß der Halde Haniel steht der Förderturm der Zeche Prosper Haniel, man kann von oben gut die Aufräumarbeiten beobachten. Auch diese Zeche wird Ende des Jahres schließen. Waren die Arbeiter für Wilhelm II. noch vaterlandslose Gesellen außerhalb der Gesellschaft, bilden sie heute beinahe eine bedrohte Art, die für das Kapital gungefährlich eworden ist und der ein Mitwirkungsrecht nur in engen Grenzen zugebilligt wird -- zwar integriert, jedoch nicht mehr wahrgenommen. Daher auch so gute Wahlergebnisse für die AfD in dieser Region und dies in Wahlkreisen, in denen die SPD ebenfalls stark ist. Wie ein verzweifeltes Aufbäumen gegen den Untergang der „guten, alten Zeit“. Aber selbst das Aufbäumen erfolgt halbherzig: Dort, wo es den Menschen besser geht, beteiligten sie sich bei der letzten Wahl überdurchschnittlich, in den ärmeren Gebieten nördlich der Autobahn A 40 - auch als Sozialäquator bezeichnet - beteiligen sich deutlich auffällig weniger Menschen an den Wahlen. Abgehängt? Bewirkt ja doch nichts? Die Regierung in NRW wird neuestens nicht mehr von den Bewohnern des Ruhrgebiets gestellt, wahlentscheidend waren bei der letzten Wahl im Jahre 2017 die ländlichen und mittelständischen Gemeinden außerhalb des Ruhrgebiets. Lethargisch sind die Bewohner des Potts aber keineswegs. Sie streiten, heftig! In Duisburg haben sie eine Volksabstimmung zur Frage durchgesetzt, ob in der Duisburger Innenstadt ein weiteres gigantisches Outlet-Center gebaut werden soll oder nicht -- sie haben gewonnen. Es wird nicht gebaut! Gewerkschaften? Der zeitgemäße Neoliberalismus betrachtet sie als marktverzerrende Mafia-Organisationen. Solidarität? -- Behindert den Markt!

Industrialisierung hat die Erde umgepflügt, die Halde Haniel ist im wahrsten Sinne der Abraum dieses Zeitalters, die einst solidarische und stolze Arbeiterklasse rutscht ins Prekariat ab, Zechensiedlungen wurden zu gentrifizierten Locations der neuen Mittelklassen, sofern diese sich nicht ins ländliche Umland abgesetzt haben, während gleichzeitig die Innenstädte des Ruhrgebiets - ausgetrocknet durch überhöhte Mieten und Outlet-Center - veröden. Der Markt hat regiert, der Markt hat verödet.

„Abraum, Schutt, Verödung“ sind Begleiterscheinungen industrieller, kapitalistischer Lebensweise. Blickt man auf den Müll (den Gedanken flüchtig durchstreifend, dass die modernen „Halden“ anstelle von taubem Gestein Plastikmüll beherbergen, der weit draußen auf dem Meer schwimmt und allmählich unsere Nahrung durchdringt), blickt man also auf den Müll, kommt die Frage, ob der Mensch für die Wirtschaft oder die Wirtschaft für den Menschen da ist (Tafel an der IX. Station des Kreuzweges).

Es wird Zeit, daran zu denken, es wird Zeit zu fragen, wer wen verdrängt: Der Müll den Menschen, oder der Mensch den Müll!

Wir müssen nicht das Außergewöhnliche tun,
aber das Gewöhnliche müssen wir außergewohnlich tun
(Bischof Hengsbach)