Bao bao bewegt sich genauso wenig wie zu lebzeiten

slides-01.jpg slides-02.jpg slides-03.jpg slides-04.jpg slides-05.jpg slides-06.jpg slides-07.jpg slides-08.jpg slides-09.jpg slides-10.jpg slides-11.jpg slides-12.jpg slides-13.jpg < >

Das Naturkunde-Museum in Berlin

Die langen Dinohälse und die kleinen Köpfe auf einem tonnenschweren, eher unbeholfenem Körper wirken wie prähistorische Mahnmale der Dekadenz für die Nachwelt. Es heißt, der Brachiosaurus (Giraffatitan), der eindrucksvoll die Besucher in der Empfangshalle erwartet, war pausenlos damit beschäftigt zu fressen, um seine gigantische Figur (geschätzt zwischen 30 und 50 Tonnen schwer) zu halten. Sie waren Sklaven des Übergewichts: Fressen, fressen, fressen, aber im Kopf ist vielleicht wenig angekommen, jedenfalls ist der auffallend unterdimensioniert. Es ist kaum vorstellbar, was diese Tiere bei Halsschmerzen gemacht haben, bei Kopfschmerzen dürften allerdings schon homöopathische Dosierungen gewirkt haben! Nach einer (relativ kurzen) Dürreperiode infolge eines Meteoriten-Einschlags war es dann auch schnell vorbei mit der Dino-Welt. Es wuchs einfach nicht mehr genug Grünzeug, um den Appetit zu stillen, geschweige denn, den Hunger dieser Riesenviecher zu bändigen. Mit etwas Abstand offenbaren sich Ähnlichkeiten mit dem gegenwärtigen Reich der Adipösen, die ein ähnliches Essverhalten (Fressverhalten?) ungehemmt in den Dschungelwelten von BurgerKing, McDonald, KentuckyFriedChicken oder Curry36 an den Tag legen. Eine weitere Paralelle: Klimaerwärmung, Treibhauseffekte und übermäßiger CO2-Gehalt herrschten zu Lebzeiten der Dinos, also vor 150 Millionen Jahren, ebenfalls. Ich habe erfahren, dass das spätere Aufkommen von Gräsern dazu beitrug, den CO2-Gehalt der Atmosphäre zu senken. Sieht man mal von meinen „flapsig“ beschriebenen Eindrücken ab, gewinnt man sinnliche, aber auch verständliche Einsichten in die Zusammenhänge zwischen Klimaveränderungen und Artensterben und die Evolution.

Im Museum gibt es allerdings nicht nur Dino-Knochen. Wer Bao Bao endlich einmal ins Auge sehen möchte, ohne Schlange zu stehen, sollte hingehen. Todesursache war wahrscheinlich großer Bewegungsmangel! Bao Bao hängt genauso schlaff herum wie damals zu Lebzeiten im Zoo, --- die Spitznamen des Panda-Pärchens, zu dem das Weibchen Bao Bao und Tjen Tjen gehörten, lauteten „Schnurz und Piepe“, die Berliner drehten 1980 vor Begeisterung durch. Die Pandas nahmen daran wenig Anteil, wahrscheinlich waren sie beide fern ihrer Heimat totunglücklich, auch wenn sie ein Luxusleben führten: Das Futter kam täglich frisch aus Amsterdam, und aus China wurden sie 1. Klasse eingeflogen, schließlich war das die Pflege deutsch-chinesischer Wirtschaftsbeziehungen mit Hilfe von Tieren. Alle haben sich tierisch gefreut, bis auf die Pandas: Tjen Tjen starb schon 1984 und Bao Bao verendete 2012, wahrscheinlich vor lauter Depressionen in Schockstarre. Vielleicht geht es den Pandas - und hier schließt sich der Kreis - ähnlich wie den Dinos: Um die notwendige Kalorienzahl zu erreichen, mussten sie als Vegetarier pausenlos fressen und durften sich nur wenig bewegen, um nicht vom Fleisch zu fallen. Bao Bao in der Vitrine ist heute ein Meisterwerk der Tierpräparation: Es geht nicht nur darum, die Physiognomie zu bewahren, sondern auch hervorstechende Wesensarten - hier die grenzenlose Schlaffheit, die vielen Berlinerinnen und Berlinern das Tier so sympathisch erscheinen ließ. Was ist Sympathie? Der Blick in den Spiegel, erkenne Dich selbst! - Wer möchte denn kein Panda sein? Kurz Präparation - das ist Unsterblichkeit realisiert mit menschlichen (präparatorischen) Mitteln. Auch dem Eisbär Knut kann man sich gefahrlos nähern, weil er nun ausgestopft ist. Etwas beängstigend sind die Rieseninsekten. Steht uns das etwa mit der Klimaerwärmung noch bevor??

Der Charme des Sammelfiebers der Naturforscher im 19. Jahrhundert, die sich in diesem Museum eine Lagerstätte für die Resultate ihrer Sammelleidenschaft geschaffen haben, blieb auch nach der Renovierung erhalten. Hier wurde nichts „kaputt“-saniert. Die Ausstellungen sind eine glückliche Mischung aus Sinnlichkeit, mit modernen Medien (diskret) vermittelten Informationen und bewundernder Ehrfurcht vor den großen Naturforschern des 19. Jahrhunderts, allen voran Alexander von Humboldt. Wer noch nicht da war, seit das Naturkunde-Museum renoviert wurde, ist selber schuld!

Auf der Webseite des Museums Webseite des Museums gibt es viele Infos und beeindruckende Animationen. Zum Humboldt-Jahr 2019 gibt es alle Veranstaltungen auf einer besonderen Seite.

Frank Grellert (der Text ist urheberrechtlich geschützt)