Mitten wir im leben sind

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Ruhrtriennale 2017

Zwei Aufführungen - jedes Mal tiefes Durchatmen - beiden Abenden folgt unruhiger Schlaf, schön unruhig, voller kreativer Gedanken. Das Fotografieren war aus urheberrechtlichen Gründen nicht gestattet! Zum Vorteil von Augen, Ohren, und Sinnen. Zur Aufführung der 6 Cello-Suiten mit Jean-Guihen Queyras, Anne Teresa De Keersmaeker will ich mich nur kurz äußern. Nicht, weil sie es nicht verdient hätte, nein, es war ein musikalischer Hochgenuss und eine choreographische und tänzerische Augenweide. Im wahrsten Sinne des Wortes: Auch ein Tauber hätte nun Bachs Cello-Suiten erleben, hören und sehen können: Sinnenfroh, sinnlich, feierlich, verspielt, ausgelassen, teuflisch und spitzbübig, verloren, orientierend, europäisch, tastend, richtungsweisend. Fazit „Mitten wir im Leben sind“ (Das steht übrigens auch auf Pina Bauschs Grabstein, die Formulierung ist nicht von Obi-Wan Kenobi, sondern von Martin Luther):

Mitten wir im Leben sind
Mit dem Tod umfangen.


Beide Verse stehen auch irgendwie im Zentrum des Stückes „Three Stages: Model + In Medias Res + El Dorado“, einer Inszenierung von Dantes Göttlicher Komödie durch Richard Siegal. Der erste Satz bei Dante lautet

Auf halbem Weg des Menschenlebens fand
ich mich in einen finstern Wald verschlagen,
Weil ich vom rechten Weg mich abgewandt.

Und das ist der Beginn der Hölle! Hölle ist allerdings kein Arrangement lodernder Feuerkessel und diabolischer Tänze der mit Dreizack ausgestatteten Teufelscharen, sondern es herrschen purer Stress, Lärm und andere unerwünschte und unangenehme Reize, ganz so, wie es aus dem Alltag vertraut ist. Verstrickt sein, von unerledigter Aufgabe zur nächsten getrieben sein, das „Nicht-mehr-wissen-wo-der-Kopf-steht“, Orientierungslosigkeit, Burn-out. (Wohl ist dies aber auch der Beginn von Individualität und Selbstverantwortung, der Beginn der Suche nach selbstgesteckten und selbstformulierten Lebenszielen. „Sapere aude! Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ formuliert es Kant einige Jahrhunderte später). Auf ewig verloren gehen? Sich auf die Suche nach einem Ausweg begeben? Sich anheim stellen? Sich emanzipieren? Noch im Stadium der Diagnose, die Therapie folgt bald:

Im zweiten Teil „In Medias Res“ geht es zur Sache. Das Leben, die Arbeit entäußern sich, erst dann kann der Scherbenhaufen kritisch betrachtet werden. Auf dem Läuterungsberg, dem Purgatorio, werden die 7 Todsünden (Hochmut, Jähzorn, Neid, Habgier, Wollust, Völlerei und Trägheit) bekämpft und die Bewohner des Fegefeuers gereinigt. Das ist nicht ganz richtig: Sie müssen es selber tun. Das Fegefeuer ist der Ort, an dem man sich selbst an den eigenen Schwächen abarbeitet. Das ist ein widersprüchlicher, schmerzensreicher und schmutziger Prozess. Woran arbeitet man sich ab, worin besteht das Ziel? Zu einem höheren Bewusstsein zu gelangen? Zu lernen, wie man zum „richtigen“ Weg zurückfindet? Etwas gleichsam Spirituelles oder mehr etwas Pragmatisches? Man könnte die Todsünden einem Menschentyp zuordnen, und schon wüssten wir, welche Zeitgenossen lieber heute als morgen zur „Reinigung“ geschickt werden müssten. Ich will das hier nicht aussprechen. Richard Siegal tut es dankenswerter Weise auch nicht. Es ist leicht vorstellbar, dass dies alles eine Drecksarbeit ist, bei der sehr viel Staub aufgewirbelt wird, zuweilen badet man im Schlamm. Das will alles abgewaschen und heruntergespült sein. Gelingt es, ist man gereinigt, man steht nackt da und setzt den Weg in größerer Klarheit fort.

Und noch später, angekommen im Paradies, dem dritten Teil des Abends, gereinigt, nackt bis auf den Grund, fragen wir uns: Was ist das „Paradies“ in Zeiten religiösen Fanatismus und entfesselten Kapitalismus eigentlich? Richard Siegal nennt es nicht „Paradies“, sondern „El Dorado“ - und lässt folgerichtig seinen Protagonisten auf dieser Station der Reise vergolden, aufmerksam beobachtet durch das fette, nackte Golden Girl, das sich später fließend und beinahe unmerklich in die Venus von Willendorf, der Urmutter, verwandelt. So wie das Paradies sich in der Inszenierung von Richard Siegal zum El Dorado wandelt, so ist das Paradies/El Dorado bei Dante auch keine klassenlose Gemeinschaft der Glücklichen. Dante beginnt den dritten Teil mit den Sätzen

Der Ruhm des, der bewegt das große Ganze,
Durchdringt das All, und diesem Teil gewährt
Er minder, jenem mehr von seinem Glanze.

Und eine Sorte der Verblendung ist dem Aufenthalt im Paradies auch nicht wesensfremd:

Im Himmel, den sein hellstes Licht verklärt, -
War ich und sah, was wiederzuerzählen
Der nicht vermag, der von dort oben kehrt.
Denn, nah’n dem Ziel des Sehnens unsre Seelen,
Das unsern Geist zur tiefsten Tiefe zieht,
Dann muß der Rückweg dem Gedächtnis fehlen.


Das alles sind starke Worte in einer Zeit, in der sich fanatisierte Kleinkriminelle in der Hoffnung auf ein angenehmes Leben im Paradies den Sprengstoffgürtel anlegen, in der die Mächtigen von ihrem Reichtum und ihrer Machtfülle so geblendet sind, dass sie Klimawandel und andere unbequeme Einsichten zur teuflischen Propaganda herunterbechen. Man kann sich gut vorstellen, wer alles auf der Jagd nach „El Dorado“ mit von der Partie ist! Erkenntnis, Einsichten? Immer nur in sehr kleinen Schritten, damit der Blendschein des Goldes nicht durch das alles überstrahlt wird, oder doch? Gedächtnis? Historisches Bewusstsein? Fakten? Fake-News höchstens! Und so gehören Kotze, Blut und Scheiße ebenso zum Paradies wie der schöne goldene Schein-und auch das ist mühsam, leider!

O Götterkraft, wenn du dich jetzt mir leihst,
Den Nachschein von des sel’gen Reiches Glanze
Zu malen aus dem Bild in meinem Geist,

Dann siehest du mich nah’n der teuren Pflanze
Und, durch den Stoff und dich des wert, geschmückt
Und reichgekrönt mein Haupt mit ihrem Kranze.

Es ist schon auffallend, dass Dante die Vollendung des Individuums ganz oben anstellt. „El Dorado“ tut dies nicht. El Dorado ist kein friedvoller und schon gar kein harmonischer Zustand, in dem sich das Individuum frei entfalten kann. Der Blick in den Spiegel, der die Aussicht auf das kindliche Alter Ego und je nach Perspektive den Blick auf das gealterte Alter Ego (bewundernswert und nackt dargestellt von Gus Solomons Jr., 77) freigibt, bleibt. Der Narzissmus, das wilde Tier, das das Purgatorium überlebte und nun aus höchster Lust und in Selbstverliebtheit sowie mit angeberischem Gestrotze die Urmutter besteigt. All das ist geblieben. Und so ist auch das Paradies kein geschichtsloser Raum des Vergessens. Hier wüten nach wie vor alte Kräfte.

Richard Siegals Inszenierung bietet sehr viel Raum, in Dantes „Göttlicher Komödie“, die 1321 fertiggestellt wurde und damit ca. 700 Jahre alt ist, erschreckende Einsichten in die auf unsere Gegenwart einwirkenden Kräfte zu gewinnen.

Externe Verweise